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Die Sage von der teuersten Frau der Welt

Es trug sich zu in einer Zeit, da die Einhörner nicht wie heute ein sondern noch zwei Hörner hatten.


Gerade die Männlichen waren kräftig mit glänzender Stirn und seidig schimmerndem Rücken. Fast golden war ihre Leibfarbe und silbrigweiß schimmerten die Hörner.

Schon immer fühlten sich diese Tiere zu Jungfrauen hingezogen, deren Nähe und Gesang sie liebten. Also war darunter einer, dessen eigene Kuh ihm oftmals schlechte Tage bescherte. Und so zog er aus, die schönste Jungfrau im Lande zu finden.

 

Das war auch gar nicht schwer, denn schon damals war wie heute die schönste Tochter die des reichsten Fürsten. Und reiche Fürsten gab es auch damals nicht so viele. Als also der zweihörnige Einhorn die Schöne mit ihren Gespielinnen in ihren blumenbestickten Gewändern über die Wiesen wandeln sah, verliebte er sich Hals über Kopf. Und er brüllte mit leiser Inbrunst, rollte mit den Augen bis ihm schwindlig wurde, die Muskeln schwollen ihm, doch wirkte er zahm wie ein Lamm...

Dieses Gebahren schien der Schönen einzig und allein ihrem Liebreiz geltend. Und sie freute sich, so ein braves und sanftmütiges Benehmen von einem so schönen Tier zu erfahren. Es zu streicheln, zu küssen und aufzusitzen war eines. Und so waren ihr die Schwestern und Freundinnen einerlei, als der stattliche Einhorn mit ihr davonritt. Sie schwebten über Wiesen und Felder, durch Auen und Wälder und gelangten an ein Wasser, daß so riesig war, daß es kein Ende zu geben schien...Es gab kein Halten, so glücklich waren beide miteinand.
Also sprang er in die Fluten und schwamm dahin wie ein eilig Schiff. Kein Tröpfchen benetzte ihre Füßlein, kein Häärlein wurde ihr naß.

Als sie am fernen Ufer angelangt waren, setzte er sie behutsam ab und verwandelte sich alsbald in einen schönen herrschergleichen Jüngling.
Europa, so hieß die Schöne, erschrak und erahnte sogleich ihr zukünftig Geschick.


Doch die Schönheit des Gott-Mannes, seine Versprechungen und ihre trostlose Verlassenheit in der Fremde ließen sie ihm ihr Jawort geben.

Durch ihren Besitz beglückt, verbrachte er eine traumhafte Nacht mit der Schönen.


Doch in der Frühe holten ihn die Bedenken ein.


Ist nicht eine Schöne ebenfalls auch anspruchsvoll? Ist sie nicht bald wissend, wie sie ihn becircen und dann anschließend lenken kann? Wird sie ihn nicht fesseln am gemeinsamen Heim und Kinder gebären, wird Falten kriegen und einen runden Po? Und dann wird sie auch zanken wie sein Eheweib, die längst schon wartende Einhornkuh...Also verließ er Europa als sie noch schlief und kehrte heim.

 

Zurück blieb aber das Weib auf dem Kontinent, der vorher keinen Namen hatte.

Viel Zeit verging seither. Die Urmutter der Schönen dieser Welt hatte aus ihrer Verlassenheit das Beste gemacht, hatte sich einen anderen Mann gesucht und viele Töchter geboren.


Die einen waren klug und würden bei jeder PISA-Studie bestens abschließen.
Die anderen waren es nicht so aber dafür noch schöner und deshalb waren sie den Herren auch teuer - die Models und die Sternchen.


Sähe man ihre wahren Gesichter in einem filternden Spiegel, würde man erkennen, daß nicht die reinen Werte ihrer schönen Urgroßmutter überwiegten sondern eher die Eselsgesichter.


Das habt Ihr nun davon - ihr Männer!!!

 

Man(n) sollte aber schon genau hinsehen, ob ihm die Schönste auch die Teuerste ist oder doch die Teuerste immer gleichzeitig schön erscheint, sonst könnte er ins Wanken geraten wie damals unser „einhörniger“ Zeus

 

(Birte Faßelt-Knopf)

 

Diese Gedanken entstanden zu der Ausstellung „Die teuersten Frauen der Welt“
mit Werken von Jens Tinsner.
Wer mehr darüber erfahren will, sollte mal in der Bildergalerie nachschauen.

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